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Bernward (13.)

993 - 1022


Bernward von Hildesheim (Denkmal am Dom, 19. Jahrhundert)
Bernward von Hildesheim (Denkmal am Dom, 19. Jahrhundert)

[W] Bernward von Hildesheim (* um 950[1]/ 960[2]; † 20. November 1022 in Hildesheim) war 13. Bischof von Hildesheim 993–1022 und ist ein Heiliger der katholischen Kirche. Auch im Evangelischen Namenkalender wird Bernward aufgeführt.

Sein Name bedeutet Althochdeutsch Schützer vor dem Bären.

 

Bernward stammte aus dem sächsischen Adel. Wer sein Vater war, ist unsicher; Markgraf Dietrich von der Nordmark († 985) oder Pfalzgraf Dietrich I. von Sachsen († 995) werden als mögliche Väter genannt. Bernward verbrachte seine Kindheit bei seinem Großvater mütterlicherseits, dem Pfalzgrafen Adalbero von Sachsen.

 

In der Hildesheimer Domschule hatte er eine umfassende Ausbildung erhalten. Im Jahr 977 führte ihn höchstwahrscheinlich sein Onkel Folcmar – früher Kanzler Kaiser Ottos II., seit 976 Bischof von Utrecht – am Hof ein und ließ ihn zum Notar ausbilden. Seit 987 war er am Hof der Kaiserin Theophanu, die nach dem Tode Ottos II. die Regentschaft innehatte, Verfasser und Schreiber von Herrscherurkunden. Von 987/988–993 war er als Erzieher König Ottos III. tätig. Wichtig ist schon seine Teilnahme als Priester Bernward im Jahre 983 beim Treffen der Größen Sachsens in der Hesleburg (ad civitatum Hesleburg, laut Thietmar von Merseburg) bei Burgdorf (Landkreis Wolfenbüttel).

Am 15. Januar 993 wurde Bernward durch Willigis, den zuständigen Mainzer Erzbischof zum Bischof geweiht. Seine Amtszeit fällt in die Epoche der Sachsenkaiser, die im Umland Hildesheims ihre familiären Wurzeln hatten und mit Bernward persönlich verbunden waren. In dieser Zeit war Hildesheim eines der Machtzentren des Reiches, und Bernward war entschlossen, seiner Stadt nach dem Vorbild Roms ein dieser Bedeutung angemessenes Gesicht zu geben. Berühmteste Zeugnisse dieses Bestrebens sind die Bernwardstüren des Hildesheimer Doms (Bronzegüsse mit Szenen der Heilsgeschichte nach dem Vorbild der Holztüren von Santa Sabina in Rom), die Christussäule (Bronzeguss mit Bilderfries der Taten Christi nach dem Vorbild der steinernen Kaisersäulen in Rom) sowie der gewaltige Bau der frühromanischen Michaeliskirche (vollendet nach Bernwards Tod), die der Bischof als Abbild des himmlischen Jerusalem und zugleich als seine Grabeskirche errichten ließ. Diese bernwardinischen Kunstschätze stehen heute auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes. Bernwards Leistung bei dem Bau der Michaeliskirche geht nach Ansicht einiger Forscher weit über die eines Auftraggebers und Bauherren hinaus. Vom Bauhistoriker Hans Roggenkamp wurde er als Architectus sapiens (nach 1Kor 1,13) und als der „geistige Schöpfer des Raumgedankens“ bezeichnet. Er war demnach für die Konzeption (dispositio) verantwortlich. Als ausführender Architekt, der für die constructio zuständige Baumeister wird oft der nachmalige erste Abt (1022 bis 1030) des Michaelisklosters Goderam genannt. Beide haben sich an den Prinzipien des Boethius und vor allem Vitruvs orientiert, die er in seinen "Zehn Büchern über Architektur" niedergelegt hat.

Für die Äbtissin Judith von Ringelheim, die möglicherweise seine Schwester oder Halbschwester war, stiftete Bernward das Ringelheimer Kreuz, eine monumentale Holzplastik des Gekreuzigten, die mit nur wenigen vergleichbaren Werken den Wiederbeginn der Skulpturenkunst im Abendland markiert.

Bernward baute den Dombezirk mit einer starken zwölftürmigen Mauer (in Teilen erhalten) zur Domburg aus und errichtete im Land weitere Burgen zur Verteidigung gegen die angrenzenden Slawenstämme. Aber auch das innere geistliche Leben seiner Diözese und die Armenfürsorge lagen ihm am Herzen. In seinem Testament, das in das Jahr 996 datiert wird, vermachte Bernward eine Eigenkirche in Burgstemmen der Kreuzkapelle des späteren Michaelisklosters in Hildesheim.

Sarg Bernwards in der Michaeliskirche
Sarg Bernwards in der Michaeliskirche

Am Michaelistag (29. September) des Jahres 1022 weihte Bernward die noch unvollendete Abteikirche St. Michael, in der, wie sein dortiger Gedenkstein besagt, immer für ihn gebetet werden sollte. Am Martinstag (11. November) desselben Jahres wurde er Mönch dieses Benediktinerklosters, wo er am 20. November 1022 verstarb. Nach seinem Tod wurde er in der Krypta der Michaeliskirche beigesetzt. Sein Leben wurde von seinem Lehrer Thangmar in der Vita Bernwardi niedergeschrieben. Zumindest für Teile ist die Urheberschaft gesichert – andere Teile wurden wahrscheinlich im hohen Mittelalter hinzugefügt. Bernward starb wenige Wochen nach der Weihe von St. Michael. Sein Sarkophag in der von ihm erbauten Michaeliskirche in Hildesheim ist leer, die Reliquien ruhen in der Magdalenenkirche. Ein erster Anlauf einer bischöflichen Kanonisation um 1150 misslang, schließlich konnte Kardinal Cinthius um 1192 Bernwards Heiligsprechung erwirken.

Bernward wurde durch Papst Coelestin III. (Papst von 1191 bis 1198) heiliggesprochen. Dabei ist eine frühere Verehrung als Heiliger im Michaeliskloster bereits durch das Ratmann-Sakramentar (1159) und das Stammheimer Missale liturgisch belegt.

Sein evangelischer und römisch-katholischer Gedenktag ist der 20. November, seine Attribute sind Bischofsornat, Kirchenmodell und insbesondere das Bernwardskreuz. In der Walhalla in Donaustauf ist zu seiner Erinnerung schon vor 1847 eine Gedenktafel errichtet worden. Und auch für die Erinnerungskultur des 1871 neu- oder wiedergegründeten Deutschen Reiches war Bernward von Bedeutung, auch außerhalb Hildesheims und des kirchlichen Umfelds. In dem Figurenfries im Treppenhaus der Alten Nationalgalerie in Berlin, der 1870–1875 von dem Berliner Bildhauer Otto Geyer gestaltet wurde, findet man Bernward, stehend und an der Christussäule arbeitend; neben ihm sitzt Lampert von Hersfeld als Geschichtsschreiber der Sachsenkaiser. Auf dem Hildesheimer Domhof steht seit 1893 das Bernwardsdenkmal. Im Bistum Hildesheim tragen viele Kirchen aus dem 19. und 20. Jahrhundert seinen Namen, auch im Bistum Magdeburg sind Kirchen nach ihm benannt.

 

 

Die Stadt Hildesheim prägte im 15. und 16. Jahrhundert den Bernwardsgroschen mit seinem Namen und Brustbild.

[1] Mit Bischof Bernward tritt Hildesheim aus der Reihe bescheidener Bischofsstädte direkt in die Zahl der führenden Stätten bischöflicher Gewalt; mit Bernward fängt eine neue und gleich die größte künstlerische Epoche an, die Niedersachsen in der Frühzeit deutscher Kunst erlebte; vielleicht – nach der Gediegenheit der Einzelleistungen zu urteilen – die glänzendste Blüte deutscher frühromanischer Kunst überhaupt.

Bernward, um 960 geboren, entstammte einem adeligen sächsischen Geschlechte. Seine Eltern sind unbekannt, sein Großvater mütterlicherseits war der Pfalzgraf Athelberto. Bernwards Bruder war Tammo, Graf und Präfekt in den Hildesheimer Gauen Astfala und Flutvidde; seine Schwestern Thiatburg und Judith, letztere Äbtissin in Ringelheim.

Der Oheim, Diakon Folkmar, später Bischof zu Utrecht, brachte den jungen Neffen nach Hildesheim und vertraute seiner Erziehung Thangmar, dem berühmten Lehrer und späteren Biographen des Bischofs, an. Hier fand der Knabe die Grundlage seines Wissens, dem angeborenen Sinne für künstlerische Gestaltung wird reiche Nahrung in den Domwerkstätten zuteil, er übt sich sogar in den sogenannten „mechanischen Künsten“, unter denen man damals das kunstgerechte Schreiben, die Malerei, Metallarbeit, Fassen edler Steine und Baukunst verstand. Vor allem aber fand der begabte junge Mann Gelegenheit, in die vielseitigen Zweige der Verwaltungstätigkeit Einblick zu nehmen, sein Geschick und seine persönlichen Verhältnisse ließen ihn schon frühzeitig zu hohen Zielen als geeignet erscheinen.

So kommt denn Bernward, nach der Weihe durch Bischof Osdag zum Exorcisten zur weiteren Ausbildung nach dem Sitze des Hildesheims vorgesetzten Erzbischofs, nach Mainz, zu Willegis. Hier sieht Bernward den Dombau entstehen und wird Priester. Vorübergehend sich der Pflege seines Großvaters Athelbero widmend, erhält er nach dessen Tode einen Ruf an den kaiserlichen Hof, wo ihm die Kaiserin-Witwe Theophanu die Erziehung des 7jährigen Otto (späteren Otto III.) anvertraut. Der kaiserliche Schüler war bald eng befreundet mit dem hochbegabten Erzieher, das Vertrauen wird gesteigert durch die Mitarbeiterschaft in der Kaiserlichen Kanzlei als „Primiscrinius und gelehrter Schreiber“. In diesem Mittelpunkt der damaligen Verwaltungstechnik, an einem Hofe, der von zwei hochbedeutenden Frauen, der Kaiserin-Mutter Adelheid und Theophanu, geistig beherrscht war und die Kultur der Heimat mit dem Glanze und den Erzeugnissen künstlerischen Wirkens des Orients verband, erwuchs Bernward zu jener Größe, die ihn zum Führer und Schöpfer unserer glanzvollsten Kunstperioden der romanischen Frühzeit machen sollte.

Am 15. Januar 993 zieht der kaiserliche Erzieher und Cancellarius als neuerwählter Bischof in Hildesheim ein; ein dreißigjähriges Episkopat, reich an Erfolg und äußeren Ehren, war ihm beschieden.

Thangmar läßt und tiefe Einblicke in die anregende und fördernde Tätigkeit des Bischofs tun, neben den vielverzweigten Geschäften kirchlicher Verwaltung und sozialer Fürsorge ist er vor allem ein Organisator künstlerischer Tätigkeit. Nicht nur in Hildesheim, auch an anderen Orten errichtet er Schreibstuben zur Vervielfältigung des reichen Bildungsmaterials vorhandener Literatur. Malerei, Skulptur und Goldschmiedekunst werden gefördert. Zum Massivbau läßt Bernward Ziegel nach eigener Erfindung herstellen und brennen; vor allem aber bildet er die Ergebnisse seiner Reisen, die Studien an den prachtvollen Werken altchristlicher und antiker Baukunst, Plastik und Erzkunst in neuen Aufgaben in neue Formen um, gibt dem Festungsbaumeister und Kirchenbaumeister, Erzgießer und Monumentalmaler Anregung, Aufgaben und Arbeit; Kleinkünstler und Kunstschreiber finden Beschäftigung ohne Unterbrechung.

Gleich zu Anfang seines Episkopates bestand Bernward die schwierigsten politischen Prüfungen. Die schlimmste war die Geißel der Normannen, die die unteren Weser- und Elbelandschaften beherrschten und gleich den Wikingern der Frühzeit auf schnellen Schiffen die Ströme hinaufdrangen, Dörfer und Weiler, Höfe und Kirchen in Brand setzten und plünderten. Hier half neben tapferer persönlicher Wehr nur die dauernde Befestigung, der Mauerbau, Schutztürme, kleine Burgen entstanden unter Bernwards Leitung. Am Einfluss der Oker in die Aller die Mundburg, an der Ise die Festung Wyrinholt, endlich die Bischofsburg um die Dombaulichkeiten.

Diese Festungsbautätigkeit war das Ergebnis einer Reise Bernwards nach Rom, wo er in Begleitung Thangmars von Papst und Kaiser einen Urteilsspruch über die Frage der kirchlichen Zugehörigkeit vom Kloster Gandersheim erbat. Hier auf dem Aventin als Gast des Kaisers neben dem Kloster des heiligen Bonifatius und Alexius wohnend, genoss er den ganzen Reiz der wunderbaren Roma. Die Kunst altchristlicher Mosaiken zu bewundern, gaben ihm die zahlreichen Kirchen der Bekenner meist Gelegenheit. Die Erzarbeit der großen Standsäulen Trajans und Mark Aurels, vor allem auch die prächtige noch jetzt vorhandene Holztür von St. Sabina auf dem Aventin, neben seinem Absteigequartier, hat dieses Mannes Auge und Geist beschäftigt, so sehr, daß sich in ihm Gedanke und Tat zur freien Nachschöpfung im heimischen Orte regte und in den Werken verkörperte, die wir jetzt noch mit gleicher Aufrichtigkeit, wie seine Zeitgenossen, bewundern dürfen. Man muß von der Verfeinerung unserer technischen Kultur absehen, will man jenen gerecht werden; die ursprüngliche frische, die wahrhaft grandiose Monumentalwirkung, die Unmittelbarkeit des Empfindens, die aus Arbeiten der Zeit Bernwards uns anspricht, wird von den späteren, eleganteren und technisch höherstehenden Werken der romanischen Zeit nie wieder erreicht.

Die schöpferische Begeisterung entspross dem tief versenkten Studium antiker und altchristlicher Vorbilder und die selbständige Umbildung dem gesunden durch keinerlei Lehrmeinungen beeinflussten Sinne eines für das praktische Bedürfnis des Tages selten geschulten hochstehenden Organisators und geistig seiner Zeit beherrschenden Mannes.

Schon 1001 begann Bernward, abseits der Stadt, auf einem nördlich gelegenen Hügel, den seit 996 eine Kapelle zu Ehren des heiligen Kreuzes zierte, den Bau der Basilika zu Ehren des heiligen Michael. Ihre Grundgestallt war gleichsam ein höchstes Endziel kirchlicher Raumkunst, eine Vereinigung von Langhaus und Zentralbaugedanken von seltener Harmonie. Vielleicht sprachen hierbei symbolisch rituelle Rücksichten mit; dem der Heiligen Dreifaltigkeit und den neun Chören der Engel geweihten Bau lag in der rhythmischen Gliederung der Zahl drei zu Grunde; drei Joche im Mittelschiff, drei im Querhaus, anschließend an seinen Schmalseiten zwei Altartribünen. So entstanden 2 mal 4 gleich acht Emporen „mit dem Engelschor der westlichen Vierung neun den himmlischen Engelchören gewidmete Sanktuarien“.

Einfach war der Bau in der Architektur, nur über den Vierungen erhoben sich zwei einstöckige Türme mit flachen Zeltdächern, an den Schmalseiten der Querhäuser Treppentürme. Umso reicher war der innere Schmuck ausgestaltet. War die Antike im Großen als Schmuck der Plätze wählte, Statuensäulen, die dienten Bernward, im Kleinen wiederholt, als Zier des Gotteshauses. Am Kreuzaltar erhob sich die sogenannte Christussäule; die Eingangstür nach der Stadt schmückten die herrlichen Bronzetüren, die später von Godehard an den Dom übertragen wurden und von der Decke schwebten Lichterreifen, die als Vorbild der späteren Hezilokrone des Domes dienten. Den Altar aber und die Evangelienpulte zierten künstlerisch hervorragend gemalte und eingebundene Bücher, Schätze, die jetzt noch die Bewunderung der gesamten Kulturwelt erregen.

Die westliche Krypta weihte der Bischof am 29. September 1015; am 29. September 1022 auch die noch nicht vollendete Kirche, wohl schon in Vorahnung des nahenden Todes, der ihm am 20. November 1022 den Zeitgenossen entriss.

Textquelle: [1] A. Zeller: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover; Band 1, Kapitel 4: Kirchliche Bauten; Selbstverlag, Hannover 1911; Seite 3ff