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Männliche Vornamen um 1350


Die Rufnahmen der Menschen sind zu aller Zeiten in mehrfacher Hinsicht bedeutungsvoll gewesen. Zunächst für die Träger selbst. Der dem neugeborenen in germanischer Zeit von den Eltern gegebener Rufname war der Ausdruck eines Wunsches oder einer Eigenschaft; Mut und Stärke, Kampf und Sieg sind der Inhalt der Rufnahmen unserer germanischen vorfahren.

Das Christentum brachte neue Ideale und neue Namen, die den Aposteln und den heiligen entlehnt wurden und sich deutscher Sprachform anpaßten, ohne jedoch die klangreichen frühen germanischen und die weiterentwickelten altdeutschen Formen verdrängen zu können.

So wichtig dem einzelnen der Rufname war, weit bedeutungsvoller noch ist der Vorname für die Allgemeinheit gewesen. Als im 12. bis 15. Jahrhundert – je nach der Gegend verschieden, im Westen und Süden früher, im Osten und Norden später – mit dem Anwachsen der Städte die gebräuchlichen Vornamen, die zu einer relativ kleinen Zahl zusammengeschmolzen waren, zu sicheren Kennzeichnung der einzelnen Personen nicht mehr ausreichten, entstand das Bedürfnis nach weiterer Unterscheidungsmöglichkeit und führte zwangsläufig zur Bildung der Familiennamen. Hierbei spielt dann, abgesehen von Besitz, Geburtsort, Beruf und persönlichen Eigenschaften, gerade der Rufname eine große Rolle.

Am Beispiel Hildesheims Mitte des 14. Jahrhunderts wird nun gezeigt, welcher Art die Verteilung der Vornamen ist, und zweitens, ob und wie die oben angedeutete Verdrängung der germanischen Vornamen durch christliche in Erscheinung getreten ist.

Personenstandsaufnahmen mit Erfassung aller Einwohner im Sinne der heutigen Volkszählung gab es im Mittelaster nicht, wir haben jedoch in den Schoßregistern zuverlässige Listen, die alle Hausbesitzer, Steuerpflichtigen usw. erfassen, daß man über das relative Vorkommen der einzelnen männliche Vornamen sichere Schlüsse ziehen kann.

Dieser Ausführung liegt das Hildesheimer Schoßregister von 1404 zugrunde. Nach Doebner (Band VI, Seite LIII) hatte Hildesheim 1404 1141 Schoßpflichtige, woraus beiläufig eine Einwohnerzahl von ca. 4500 Personen zu schließen ist. Von diesen Schoßpflichtigen kann man - nach Abzug der Witwen und Kindern - von ca. 1000 männliche Schoßpflichtigen ausgehen. Diese verteilen sich  nach den Vornamen wie folgt: 

Albert  26 Egherd
5
Johan
Tileman  1
Alert   Everd  Jordan   Tönies
 Alf 2 Elyas 2 Lampe   Volkmar
Arnd 13 Ernst 3 Lippolt   Vricke
Arnold 1 Eylert 9 Lodewich   Werneke 11 
Aschwin 1 Frederik 2  Luder  Werner
Bernd 25 Gherd 7  Ludelef  Wedekint
Berteld 27 Gheverd 1 Ludolfus  Wygant 
Bertram 5 Ghesmer 1  Lukas  Wilken
Berwart 1 Gherlach 3
Luthert  Winneke 
Bode 5 Gherolt 1
 Maneke  Wolter
Bodewin 2 Godeke 3
Magnus     
Borchard 13 Goddeschalk 1 Mathias     
Brant 8 Ghünter 1  Marquard    
Brun 1 Hardman  3  Merten    
Brüning 1 Hans 159  Meus     
Busse 2 Henning 101  Kersten       
Clawes 11 Heneke 39  Olrik     
Conradus 5 Heneman  Pawel    
Cord 81 Hermen 76  Peter     
Danel 1 Hermannus Reyneke     
Degenert 1 Heyne  Rembert    
Deneke 1 Heyse Rolev     
Detmer 3 Hilbrant Rötcher     
Dethard 1 Hylmer Rychard     
Diderik 4 Hinse  Sander    
Diderk
1 Hinrik
118 Symon
1

Dreus 3 Hinricus Theus     
Edeler 1 Hoyer Tile  19     
Eghbrecht 1 Jan Tileke  56     

Die Liste enthält bei 1000 Personen etwa 100 verschiedene Schreibweisen von Vornamen, die sich unter Zusammenlegung der Abwandlungen (Johan=Jan=Hans, Tile=Tileman=Tileke usw.) auf ca. 85 selbständige Vornamen reduziert.

Die Namen verteilen sich wie folgt auf kirchliche und germanische bzw. altdeutsche Namen.

Die kirchlichen Namen und einige andere des klassischen Altertums wie Alexander sind in der ursprünglichen Form der Heiligennamen und nur relativ selten vertreten, nämlich 7 Namen mit 19 Personen (Elyas, Johan, Jordan, Mathias, Paul (Pawel), Peter, Symon). Ob der Name Jordan mit in diese Gruppe gehört ist umstritten, da Jordan nicht nur von dem Flußnamen abgeleitet werden kann, sondern auch von dem altdeutschen Jornandes.

Auch in der deutschen Abwandlung kommen die kirchlichen Namen nicht viel häufiger vor: Kersten (von Christian), Clawes (Nikolaus), Danel (Daniel), Drevs (=Drewes v. Andreas), Merten (Martin), Meus (=Mews v. Bartholomäus), Jan (Johan), Theus (=Thewes v. Matthäus), Tönies (Antonius). Aus den klassischen Sprachen entnommen, gehören  Magnus und Sander (von Alexander) hierher. Zusammen 11 Namen mit 28 Personen. Beide Gruppen zusammen umfassen also 18 Arten mit nur 47 Personen.

Eine Ausnahme macht hier nur der Vorname Hans, der auch noch in diese Gruppe gehört und bei 159maligem Vorkommen entschieden der beliebteste Rufname in Hildesheim war. Die Form „Hans“ ist nun aber so weit verdeutscht, daß die meisten Menschen, die ihn anwandten, sicher kaum ahnten, daß er hebräisch-griechischen Ursprungs ist. Immerhin gehört er hierher und erhöht die Gesamtzahl der kirchlichen Namen auf 19 Arten mit 207 Personen.

Ähnlich beliebt wie Hans ist der Rufname Henning, dessen Ableitung mehrere Deutungen zuläßt, nämlich einmal aus Johannes und dann aus Hagen, Heinrich usw. Letztere Annahme ist die wahrscheinlichere.

Mit dem in der Ableitung zweifelhaften Henning kommen wir zu den germanischen und weiterentwickelten altdeutschen Rufnamen, und wir werden sehen, daß diese gruppe mit sehr vielen Arten vertreten ist und daß auch die einzelnen Arten teilweise recht häufig gebraucht werden.

Es sind vertreten: Bertram, Bode, Boldwin, Borchard, Brant, Busse, Degenert usw. – fast alles Vornamen, die sich in unserer Zeit nicht mehr als Rufnamen, sondern nur noch als Familiennamen erhalten hat.

Sodann eine Gruppe von Rufnamen, die noch heute üblich sind und im 14. Jahrhundert sowohl in der ursprünglichen Form, mehr jedoch in Abkürzungsform in Gebrauch war, wie z.B. Cord von Conrad. Hierher gehören: Albert (Alert, Alf), Arnold (Arnd), Bernd (Bernhard), Berteld, Brun (Bruno, Brüning), Conrad (Conradus, Cord), Diderik (auch Diderk), Eghbrecht usw.

Zusammenfassend läßt sich folgendes sagen:

In der Stadt Hildesheim sind in der Mitte des 14. Jahrhunderts etwa 100 verschiedene männliche Vornamen gebräuchlich, die auf die Grundform von 85 Namen zurückgehen.

Von diesen 100 gehören kaum 1/5 zur Gruppe der kirchlichen Namen und deren Abwandlungen, mehr als 4/5 dagegen sind germanische oder weiter entwickelte altdeutsche Namen.

Der Zahl nach sind die 19 kirchlichen Namensarten etwa 200-mal, die 80n deutschen Vornamen dagegen etwa 800-mal vertreten, also in mehr als Dreiviertel der Gesamtzahl.

(im Original übernommen)

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