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Die Bauwerke in Hildesheim


Hinweis:

Hinsichtlich der detaillierten Beschreibung der Gebäude gebe ich die Beschreibungen aus dem Buch  „Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover“ im Original wieder. Niemand aus späterer Zeit kann die vergangenen Gebäude besser beschreiben, als eine Person aus der damaligen Zeit. Deshalb sind alle Berichte aus der obigen genannten Quelle im Original wieder gegeben.

Hinsichtlich der Beschreibung der eigentlichen Wohnhäuser müssen wir einige kurze Erklärungen vorausschicken, welche zum Verständnis der Einzeldarstellungen notwendig sind.

 

Massivbau:

Was die Art der Hausbauten anbetrifft, so ist durch das Überwiegend des Holzbaues, erklärlich aus dem damaligen Waldreichtum der Gegend, der Stein(Massiv-)bau nur wenig vertreten. Neben einigen öffentlichen Bauten, wie z. B. der Münze, der Kreuzchoralei usw., kommt er an bürgerlichen Wohnbauten sehr selten vor; die bekanntesten Beispiele sind das Haus Osterstraße 1 der Herren vam Hagen, das Haus der Familie van Harlessem auf dem Markte und der ältere Teil des Rolandhauses daselbst. Dazu kommt im 16. Jahrhundert das (unvollendete) Wohnhaus des Lizentiaten Caspar Borcholten im Langen Hagen, das sogenannte Kaiserhaus.

 

Massives Erdgeschoß mit Fachwerkobergeschoß:

Eine Zwischenstufe von Massiv- und Holzfachwerkbau, das Gebäude mit massivem Untergeschoß, ist schon häufiger anzutreffen.  So die Ratsapotheke, dann die große Gruppe der zahlreichen Kurien, endlich die im 16. Jahrhundert aufkommende Baugattung kleiner Prunkräume, die sogenannten „Kemenaten“ (im Ortsgebrauch fälschlich Kapellen genannt); zweigeschossige, im Erdgeschoß oft gewölbte Bauten, mit Fachwerkobergeschoß, welche als „gute Stube“ von bemittelteren Patriziergeschlechtern im Anschluß an die Vorderhäuser errichtet wurden. Das bekannteste Beispiel ist die Kemenate des Bürgermeisters Jobst Brandis, Osterstraße 59/60.

 

Holzbauten:

Die vorwiegende Masse der Holzhäuser zeigt naturgemäß nach der Bauzeit gewisse Eigenheiten im Aufbau, namentlich aber in der Dekoration.

Eine baugeschichtliche Untersuchung dieser Entwicklung kann hier nicht gegeben werden, sondern bleibt einem Sonderband vorbehalten, welcher unter Benutzung des Bildmaterials dieses Bandes vom Verfasser unter dem Titel: „Die bürgerliche Wohnbaukunst der Stadt Hildesheim vom XV. bis XVIII. Jahrhundert“, demnächst erscheint und auf den zu speziellen Studien hier verwiesen sei. Doch ist es wünschenswert, wenigstens einige Grundbegriffe der Bauanordnung hier wiederzugeben, damit die Beschreibung der Häuser im Einzelnen kürzer dargestellt werden kann.

 

Gotik:

Die Häuser der ältesten Zeit, der Gotik, die in Hildesheim etwa mit dem Jahre 1550 abschließt, zeigen durchweg ein hohes Untergeschoß (UG) nebst Zwischengeschoß (ZG), dessen tragende Pfosten (Ständer) durch beide Geschosse einheitlich durchgehen und nur durch das aufgenagelte Brustholz der Fenster des Zwischengeschosses äußerlich quergeteilt sind (Bild 1).

Über dem hohen Unterbau kragt mit Hilfe von Holzkonsolen sogenannte Knaggen, das erste Stockwerk (Obergeschoß, OG) weit aus, ebenso die nächsten darüber. Eingestochene spitzbogige Pforten, sowie eine meist nur aus eingeschnittenen dreieckigen Kerben und flachen Profilen wie Rundstäbe, Hohlkehlen zwischen Blättchen bestehende Zier schmückt das Ganze.

In Bild 1 sind die Konstruktionsteile, in Bild 2 die wichtigsten Holzverbindungen eines gotischen Hauses (nach den Aufnahmen der Kgl. Baugewerkschule zu Hildesheim nach alten, abgerissenen Beispielen) gegeben, deren Einzelheiten durch die klare Aufzeichnung ohne weiteres verständlich sind. In Bild 3 haben wir nach vorhandenen Bauten die charakteristischsten Ziermotive der gotischen Zeit ausgewählt und übersichtlich zusammengestellt, um später auf sie verweisen zu können.

Im Einzelnen stellt die Abbildung links oben eine sogenannte Dreieckzier, ein sehr häufig angewandtes Schmuckmotiv dar. Auch das Flechtband (rechts oben), teilweise auch doppelt, oder Schachbrettmuster, ebenso Zahlzeichen kommen vielfach vor.

Die reiche Zier, mit plastisch geschnitztem Bundwerk, Schrift oder Figuren, blieb nur den aufwändigsten Bauten der Epoche vorbehalten.  

 

Renaissance:

Die Häuser der Renaissance trennen sich in einem Stil der Übergangszeit (ca. 1530-1560), in die eigentliche Hochrenaissance (1560-1620) und die der Spätzeit bis zum Beginn des Klassizismus im Anfang des 18. Jahrhunderts.

Frühzeit:

Die Frühzeit behält den konstruktiven Aufbau im Wesentlichen bei; in den Einzelheiten kommen rundbogige Tore auf, im Schmuck namentlich das Motiv des Fächers und der Muschel; Bild 4 zeigt diese Motive sehr charakteristisch an der Torfahrt des Hauses Langer Hagen 55.

 

Hochrenaissance:

Die eigentliche Hochrenaissance ändert den Aufbau: das ZG wird zugunsten gleichmäßig staffelförmig vorspringender Geschosse zurückgedrängt. Die horizontalen Gliederungen werden um die senkrechten im Winkel herumgeführt, d. h. verkröpft, statt der früheren Knaggen und Füllbretter kommen Konsolen und Füllbalken in Anwendung; der Steinstil der Zeit wird auch im Holzbau durchgeführt. Bild 5 zeigt diese neue Anordnung in charakteristischer Zierleisten mit Perlstäben, endlich auch die Nachahmung des sog. Metallstiles in Kartuschen usw. geben den Bauten der Epoche ein charakteristisches Gepräge.

 

Eine besondere Liebhaberei der Renaissance, die Säulenordnungen, zeigt sich auch im Holzbaustil. Namentlich die korinthische Säule ist sehr beliebt, in flacher Schnitzerei (sog. Kandelabersäule) in die Stütze eingelassen, ist sie auch sinngemäß dem Materiale angepaßt. Daneben erzeugt die fruchtbare Phantasie der Epoche eine große Zahl von freien Stützformen, teils umgewandelte, freier behandelte Säulen, teils Hermen und sonstige frei erfundene Gestaltungen. Bild 6 zeigt einige charakteristische Beispiele. Alle anderen Einzelheiten, namentlich den inneren Ausbau, besprechen wir von Fall zu Fall bei Gelegenheit der Darstellung der einzelnen Häuser.

Mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Stadt im Dreißigjährigen Kriege brach auch das einheimische künstlerische Schaffen in der Baukunst zusammen. Langsam entwickelt sich zu Ende des 17. Jahrhunderts wieder das Handwerk; das Andreanum von 1662 stellt einen neuen Zeitabschnitt in der Wohnbaukunst dar, den der Barockzeit.  

 

Klassizismus:

Im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts und zu Anfang des 18. Jahrhunderts siegt der Klassizismus auch in Hildesheim, die bauten vom Gymnasium Josephinums von 1601-1604 bezeichnen den Höhepunkt dieser Entwicklung. Als bestes Beispiel der bürgerlichen Wohnbaukunst ist das leider abgerissene Haus Ecke Almsstraße und Kurzer Hagen anzusehen.

Eine namentlich durch die inneren Treppenanlagen interessante Gruppe bilden die Häuser 18-21 und 53, 54 im Langen Hagen, bei denen recht deutlich hervortritt, wie der Steinbau der Zeit auch im als Stein gemalten Holze hervortritt.

Als charakteristisches Beispiel zu nennen der Vorbau des Rolandhauses auf dem Markte; ebenso ein vorzügliches Werk das Haus Keßlerstraße 57 von 1730. Auch die Spätzeit des Jahrhunderts hat in den Bauten: Alter Markt, Ecke Burgstraße von 1776, in den Häusern Burgstraße 25 und Wollenweberstraße 66 Ansprechendes hinterlassen, den Übergang zum 19. Jahrhundert bildet das Haus Osterstraße 9; Jakobistraße 9 (von 1822) und Alter Markt 46 stellen hübsche Typen der ersten Jahrzehnte dieser Epoche (der sog. Biedermeierzeit) dar.

Tritt bei allen Bauten des ausgehenden 18. Jahrhunderts der Außenbau zurück, so macht sich doch in den oft sehr phantasievollen Kompositionen der Haustüren, den guten, leider nur wenig erhaltenen Innendekorationen ein vorzüglicher feiner Geschmack geltend, dem eine gleich tüchtige handwerkliche Arbeitsleistung entspricht. Es ist der erhaltenen Beispiele dieser Art noch eingehender bei Besprechung der einzelnen Bauten zu gedenken.

Foto/Bild

Text-Quelle:

- Literatur                [1] A. Zeller: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover; Band 2, Kapitel 4; Selbstverlag, Hannover 1912; Seite 188ff

- Webseite

Bildquelle:

- Ansichtskarten

- Foto / Bild            Bild 1-7: [1] A. Zeller: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover; Band 2, Kapitel 4; Selbstverlag, Hannover 1912; Seite 189-196