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Das wirtschaftliche Leben


[15] Hildesheim war bis in die neuere Zeit eine vorwiegend Acker- und Gartenbau treibende Stadt, wie es auch die zahlreichen und zum Teil großen, neben den Wohnhäusern liegenden Gärten bekunden.

Neben den Tuchmachern, deren zahlreiche Gilden bis ins 18. Jahrhundert blühte, konnte nur die Brauerei in einen bedeutenden Schwung kommen, namentlich, nachdem die Stadt das Recht errungen hatte und behauptete, daß außer Luxusbier (Einbecksches Bier und Goslarsche Gose) durch das ganze Stift Hildesheim nur städtisches Bier gesellt werden durfte. Die Brauerei war vom 16. Bis 19. Jahrhundert der bedeutendste Erwerbszweig, und schenkte der Rat hin und wieder das Braurecht Männern, welche sich um die Stadt besonders verdient gemacht hatten.

Die übrigen Ämter und Gilden befriedigten eben nur die Bedürfnisse der Stadt selbst; ausgeführt ward nur sehr wenig, wie man auch ängstlich über Einführung von auswärts gearbeiteten Handwerkserzeugnissen wachte.

Die Ansprüche der ländlichen Bevölkerung an Komfort des Lebens entsprachen den geringen Mitteln und konnten fast durchwegs auf dem flachen Lande befriedigt werden.

Auch der Handel ward in Hildesheim niemals schwunghaft betrieben, doch erwarben sich durch ihn im 15. und 16. Jahrhundert einige Familien Reichtümer. Diese Verhältnisse haben sich im laufenden Jahrhundert (19.) erfreulich geändert.

Die neuen Verkehrsmittel, die Beseitigung der hemmenden (Zoll-) Schranken, die Befreiung einer reichen ländlichen Bevölkerung von den drückenden Fesseln der Fronden, Zehnten und dergleichen haben einen ziemlich lebhaften Handelsverkehr in Hildesheim zur Folge gehabt. Ein nicht unbedeutender Handel mit ländlichen Produkten – Korn, Wolle (der in Hildesheim jährlich im Juli abgehaltene Wollmarkt ist der bedeutendste im nordwestlichen Deutschland), Mehl -, dann mit Steinen, Zement, Möbeln, Kurzwaren wird von hieraus betrieben.

Seit 15 bis zwanzig Jahren (um 1850) sind daneben durch Maschinen betriebene Fabriken entstanden: wir zählen drei bedeutende Eisengießereien, eine mechanische Werg-Spinnerei, eine Zwirnerei, Dampfsägemühle, mehrere Destillationen, eine Fabrik landwirtschaftlicher Geräte, Drell- und Baumwoll-Webereien, Tabaksfabriken und dergleichen.

In gleicher Weise haben sich die Handwerker, selbstverständlich mit Ausnahme solcher, deren Geschäftsbetrieb die Konkurrenz mit fabrikmäßigem Betriebe nicht erträgt, oder die veraltet sind, gegen das vergangene und das erste Drittel dieses Jahrhunderts (19.) sehr gehoben, und ist an die Stelle der kläglichen Armut früherer Zeiten eine gewisse Behäbigkeit getreten.

Zeichen  davon ist die Zahl von vier Buchhandlungen und drei täglich erscheinenden politischen Zeitungen, während vor sechzig Jahren nur eine Buchhandlung notdürftig bestand und kaum eine Zeitung ihr Leben fristen konnte.

Text-Quelle: [15] O. Fischer: Führer durch Hildesheim; Gerstenbergsche Buchhandlung; Hildesheim 1866; Seite 26f

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