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Die VERHÄLTNISSE IN HILDESHEIM                       ANFANGS DES 20. JH.

Die Verhältnisse um 1900

Die Verhältnisse um 1919


Die Verhältnisse um 1900

- Steuerverhältnisse

- Wohnungsverhältnisse

- Preisverhältnisse der Lebensmittel

- Gesellschaftliche Verhältnisse

- Kirchliche Verhältnisse

- Kunstpflege

- Gesundheitsverhältnisse

- Witterungsverhältnisse

- Hildesheim als "Pensionopolis"

Steuerverhältnisse

Die Höhe der Kommunalsteuern wird von Jahr zu Jahr dem Bedürfnis entsprechend normiert und korrespondiert durchaus mit der Größe und dem aufstrebenden Charakter Hildesheims. Abgesehen von den Real- und Kirchensteuern (205 pCt. + 10 pCt.) beträgt die städtische Steuer gegenwärtig 180 pCt. der Staatseinkommensteuer.

 

Wohnungsverhältnisse

Seit 1805 gehört Hildesheim in die erste Servisklasse, doch sind die Wohnungsverhältnisse günstig zu nennen.

Seit Jahren entfaltet sich, namentlich in den östlichen und nördlichen Stadtteilen, eine überaus rege Bautätigkeit, so daß eine den Bedürfnissen entsprechende Auswahl größerer und kleinerer Wohnungen vorhanden ist (Villenkolonie).

In der Anlage und Ausstattung der Wohnungen bemüht man sich überall, gleichmäßig auf Bequemlichkeit und Schönheit Rücksicht zu nehmen, und dürfte in den zahlreichen Bauten neuester Zeit auch der in der Großstadt verwöhnte Geschmack befriedigt werden. Hervorzuheben ist, daß stets auch eine größere Anzahl herrschaftlicher Einfamilienhäuser zu Verfügung steht. Der Verkaufspreis solcher Häuser geht bis auf 20000 Mark herab.

Überall ist Wasserleitung und Anlage für Koch- und Leuchtgas, auch wohl für Elektrizität, vorhanden. Der Preis für herrschaftlich eingerichteten Wohnungen schwankt zwischen 500 und 1500 Mark (selten mehr), indes fehlt es auch nicht an schönen und geräumigen Wohnungen zum Preise von 400 bis 600 Mark; in der Altstadt sind alle Wohnungen entsprechend billiger.

Als Ziehtermin gelten besonders Ostern und Michaelis, die Kündigung geschieht viertel- oder (nach Übereinkunft) halbjährig.

Über die Leistung der Reparaturen besteht der gebrauch, daß der Miete nur für kleinere (im Betrag bis 3 Mk.) aufkommen muß.

 

Preisverhältnisse der Lebensmittel

Die Beschaffung der Nahrungsmittel bietet bei den zahlreichen Verkehrswegen und bei der landwirtschaftlich vorzüglichen Umgebung Hildesheims keine Schwierigkeit.

Zur Versorgung der Stadt dienen hauptsächlich drei Wochenmärkte (Mittwoch und Sonnabend auf dem Altstädter Marktplatz, Dienstag auf dem Neustädter Markte).

Die Preise erreichen bei starkem Angebot nur eine mittlere Höhe und bleiben stellenweise hinter großstädtischen (z.B. denen Hannovers) erheblich zurück.

Gute Molkerei-Butter wird zu 1,30 Mk. Pro Pfund, öfter auch noch billiger, Fleisch zu 0,70-0,80 Mk., Speck zu 0,90 Mk. Wurst zu 0,70-0,80 Mk., Mettwurst zu 0,80, 0,90-1,50 Mk. etc. angeboten.

Preise der Milch pro Liter 17 Pfg.

Manche in Hildesheim hergestellten nahrungs- und Genußmittel sind weitbekannt und an der Quelle natürlich am besten zu haben, so Hildesheimer Wurst, Käse, Zuckerwaren, Pumpernickel (Mandelzuckerbrot), Bier.

Bezüglich der Preise für Bekleidungs- und verwandte Gegenstände möge gesagt sein, daß Hildesheim in den  verschiedenen Branchen große Geschäfte aufweist, die alle Ansprüche kulant befriedigen.

Die Preise für Kohlen schwanken wie überall (augenblicklich zwischen 1,30 u. 1,50 Mk.). für Leuchtgas werden pro cbm. 18 Pfg., für Koch- und Heizgas 12 Pfg. gezahlt. Die Wasserabgabe beträgt 25 Pfg. pro Kubikmeter.

 

Gesellschaftliche Verhältnisse

Der gesellschaftliche Verkehr der ersten Gesellschaft weicht in seine konventionellen und offiziellen Formen nicht von der landesüblichen Weise ab.

Vereinigt man sich auf haus- und Subskriptionsbällen oder zu sonstigen Vergnügungen, so wird überall der rechte, allem Extrem abholde Ton gewahrt.

Dazu paßt gut das hohe Maß von Mildtätigkeit, daß man an Bedrängten aller Art übt, wobei vielfach der Mildtätigkeit gewidmete Stiftungen und Vereine helfend eingreifen. Hieraus begreift sich auch mit, daß die Bevölkerung Hildesheims, trotz der mannigfachen politischen Spaltungen, im besten frieden lebt, daß namentlich ein Scheelsehen von unten nach oben nicht beobachtet wird.

Die mittleren und unteren Gesellschaftsklassen illustrieren Goethes Wort aus dem „Schatzgräber“ – „Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste!“ dabei überwiegt musterhaftes und maßvolles verhalten, selbst in den offen zur Sozialdemokratie haltenden kreisen.

Im Sommer feiert das gesamte Hildesheim auf der Schützenwiese vor dem Dammtor sein „Volksfest“. Im Winter veranstalten die zahlreichen Vereine abwechselungsvolle Vergnügungen, Konzerte, theatralische Vorführungen, Maskeraden etc.

Die gebildeten Stände finden sich insbesondere in dem an jedem Dienstag tagenden Verein für Kunst und Wissenschaft, namentlich an den vier Damenabenden, zusammen, wo jedes Mal Kunstaustellung, Vortrag und Musik geboten wird.

Demnächst bekommt Hildesheim auch ein würdiges Stadttheater, das im kalten Winter alle Gesellschaftskreise zu herzerquickendem genuß vereinigen wird. Einstweilen ist nur ein Sommertheater vorhanden, das unter vorzüglicher Leitung die Stadt wenigstens auf dem Laufenden erhält.

 

Kirchliche Verhältnisse

Hildesheim hat 31000 evangelische, 15500 katholische und 600 israelische Bewohner.

Dem evangelischen Gottesdienste dienen die Andreaskirche mit drei Geistlichen, die Jakobikirche und Michaeliskirche mit je einem Geistlichen, die Lambertikirche mit zwei Geistlichen, die Kirche der Heil- und Pflegeanstalt mit einem Geistlichen. An der Spitze der evangelischen Geistlichkeit steht der Stadtsuperintendent.

Der Hauptgottesdienst an den Sonntagen beginnt überall 9 ½ Uhr. Frühgottesdienste (7 Uhr) finden nur in der Andreaskirche statt, allein in dieser Kirche wird auch nachmittags 5 Uhr ein Gottesdienst abgehalten. In der Woche hat jede Kirche einen Bibelgottesdienst, in der Fastenzeit Passionsgottesdienst. Wohlgeschulte Kirchenchöre erhöhen an Festtagen die Feier durch den Vortrag ansprechender Gesänge.

Die katholische Konfession hat folgende Kirchen: DomGodehardikircheKreuzkircheMagdalenenkircheKapuzinerkirche undJesuitenkirche (zwei neue Kirchen, Elisabeth- und Bernwardskirche, im Bau).

Die Geistlichkeit setzt sich aus zahlreichen Personen zusammen, denen der Bischof von Hildesheim vorgesetzt ist, dem auch die Diözese Hildesheim untersteht.

Die Gottesdienste sind in der Zeit von 5 bis 10 ½ Uhr. Im Dome findet an den hohen Festen Pontifikalamt statt; ein besonderer, unter der Leitung des Dom-Musikdirektors stehender Meßchor, sorgt für die feierliche Gestaltung und Ausschmückung dieser Gottesdienste.

Die kleine reformierte Gemeinde hält ihre Gottesdienste (sonntags 9 ½ Uhr) im Saale des Evangelischen Vereinshauses ab.

In Hildesheim bestehen auch weitere Vereinigungen evangelischer Bekenntnisse, selbst der Heilsarmee.

Die jüdische Gemeinde besitzt ein ausreichendes Gotteshaus in der im orientalischen Stil erbauten Synagoge am Lappenberge. Den Gottesdienst hält der Rabbiner, sonnabends 10 Uhr. Das Rabbinat Hildesheim umfaßt den Regierungsbezirk Hildesheim.  

 

Kunstpflege

In erster Linie ist der Oratorienverein (Musikdirektor Prof. Nick) zu nennen, der sich durch die Aufführung der schönsten Chorwerke unserer Meister verdient macht. Die Vereinigung – Nick, Hänflein, Blume, Riller – pflegt das eindrucksvolle Genre der Kammermusik.

In jeder Saison finden auch Symphonie- und Künstlerkonzerte statt. Es traten an ersten Künstlern in Hildesheim auf: Prof. Joachim, Eug. D’Albert, Aug. Wilhelmy, v.u.z. Mühlen, P. Bulss, E. Rißler, R. Koschalsky, Frl. Krebs, Frau Marg. Stern, Frau Joachim, Pia von Sicherer, Teresa Carenno, Lillian Sanderson, Anna Haasters u.a.

Geistliche Volkskonzerte und konzertliche Vorführungen der verschiedensten Vereine (Verein für Kunst und Wissenschaft, Gesangsvereine) erwärmen weitere Kreise für die Musik.

An musikalisch hervorragenden Dilettanten fehlt es nicht, und stellen diese ihre Kunst gern in den Dienst der Allgemeinheit. Praktischen und theoretischen Musikunterricht erteilt namentlich das von der Stadt unterstützte Konservatorium von C. Schotte.

Die Stadtkapelle (Dirigent G. Ropte) und die Militärkapelle (Dirigent K. Kneifel) konzertieren bei Knaup, auf dem Berghölzchen etc.

Sonstige künstlerische Aufführungen (Festspiele und dergl.) werden ab und zu mit großer Hingabe dargeboten. Ein stehendes Theaterbesitzt Hildesheim noch nicht, doch ist Aussicht auf baldige Lösung der Theaterfrage vorhanden. Operetten- und andere Gesellschaften finden bei guten Leistungen volle Häuser (in der Union oder bei Knaup), auch das Sommertheater bei Knaup erweist sich zugkräftig.

Der Verein zur Erhaltung der Kunstdenkmäler entfaltet eine dankenswerte Tätigkeit auf dem Gebiete der plastischen Kunst. Zur Pflege und Übung der Malkunst findet sich auch günstige Gelegenheit; es fehlt weder an landschaftlichen und anderen Sujets, noch an tüchtigen, akademisch gebildeten Lehrkräften.

 

Gesundheitsverhältnisse

Die Gesundheitsverhältnisse Hildesheims müssen als besonders günstig bezeichnet werden. Diese Tatsache stützt sich auf statistisches Material.

Die Sterblichkeitsziffer ist, wie in den Nachbarstädten Hannover und Braunschweig, eine niedrige, sie betrug für Hildesheim im letzten Jahre (um 1900), nach den Mitteilungen des Kaiserl. Gesundheitsamtes, 18,1 % (ohne Berücksichtigung der Totgeborenen); dazu kommt die Erfahrung, daß gefährliche Epidemien seit langen Jahren nicht beobachtet wurden, daß überhaupt gefährliche Krankheiten (Tetanus, Skorbut, Typhus u.a.) selten oder gar nicht mehr vorkommen und das gesamte Gesundheitsniveau sich fortgesetzt hat.

Daran hat die gesunde Lage der von Feldern und waldigen Höhen prächtig umkränzten Stadt Anteil, besonders aber ist solche Erscheinung das Resultat der bedächtigen und opferwilligen Fürsorge, welche die städtische Verwaltung auch den sanitären Verhältnissen der Stadt unausgesetzt  schenkt.

Die Stadt darf sich tüchtiger Ärzte und leistungsfähiger Apotheken rühmen; sie entbehrt lästiger oder gar schädlicher Fabriken etc., dagegen Besitz sie breite Straßen und zahlreiche Plätze, auch große Komplexe neuer, gesunder Arbeiterwohnungen, ferner ein schon auf großstädtische Verhältnisse berechnendes Kanalsystem, einen Zentral-Schlachthof, den alle eingeführten Fleischwaren passieren müssen, zwei Krankenhäuser, unter denen das neue Städtische mit seinen verschiedenen Pavillons etc. ein Areal von ca. 2 ha bedeckt.

Besondere Erwähnung  verdienen die prächtigen Promenaden mit ihren reichen gärtnerischen Anlagen (Schützenallee mit demHohenwallKehrwiederwallSedanstraßeGalgenberg etc.).

Auch die Versorgung mit gutem Wasser dürfte wesentlichen Einfluss auf die Gesundheitsverhältnisse der Stadt haben.

Schließlich sollen auch die vortrefflichen, allen hygienischen Anforderungen der Neuzeit entsprechenden Schulbauten (Schulärzte) und die Sorge für die Pflege des Jugendspiels nicht unbeachtet bleiben. Hildesheim bietet reiche Gelegenheit zu Jagd und Sport. Die Turnerei steht besonders in hoher Blüte (Turnspiele).

Die Stadt hat außer zwei öffentlichen (Fluß-) Badeanstalten eine große städtische Anstalt in den „Hildesheimer Badehallen“ an der Speicherstraße, mit zwei Schwimmbassins und allen anderen balneologischen Einrichtungen (nationale Schwimmfeste).

Die Umgebung der Stadt eignet sich vorzüglich zu Radtouren.

 

Witterungsverhältnisse

Hildesheim und Umgebung hat wie das ganze nordwestliche Deutschland ein veränderliches Klima.

Bei der nördlichen Lage unserer Provinz muß die Durchschnittstemperatur niedriger sein als diejenigen Mittel- und Süddeutschlands; doch bewirkt die Nähe des Atlantischen Ozeans, daß das Klima gleichmäßiger ist als im Süden und milder als im nordöstlichen Deutschland.

Die kontinentalen Charakter zeigenden Ostwinde betragen für die Hildesheimer Gegend etwa 25 pCt., die ozeanischen Charakter tragenden dagegen 75 pCt.; daraus ergibt sich, daß selbst im Winter die westliche Luftströmung vorherrschen muß.

In den letzten Jahren schwankte die Temperatur betrug fast +28° R. und -20° R. Die mittlere Temperatur betrug fast +8° R. (Winter +1,6°, Frühling 7,2°, Sommer 14,4°, Herbst 8,5°).

Die Niederschläge betrugen durchschnittlich 570 mm (gegenüber 710 mm in Deutschland) für das Jahr (Winter 110, Frühling 127, Sommer 202, Herbst 131 mm). Die Zahl der Regentage war an den Küsten und Flußufern (Elbe und Weser) um etwa 12 größer als in hiesiger Gegend.

Es regnete durchschnittlich an 150 Tagen. Gewitter fanden jährlich 13 bis 32 statt, durchschnittlich 20. Die Blitzgefahr ist bei der Anzahl ableitender Gegenstände gering. Hagelschlag ist seit Menschengedenken in Hildesheim nicht beobachtet worden.

 

Hildesheim als Pensionopolis

Offiziere, Beamte und Lehrer, die in den Ruhestand treten, auch andere Personen, die ihren Beruf aufgeben wollen, sind nicht selten um die Wahl ihres ferneren Wohnsitzes verlegen.

Allen schwebt als Ideal ein Ort vor, der ihnen ein wirklicher Ruhesitz zu werden verspricht, der durch seine natürliche Lage, wie durch seine gesamten Lebensverhältnisse die gewähr eines angenehmen Aufenthalts bietet. Daß da die mittlere Stadt der Großstadt gegenüber im Vorteil ist, liegt auf der Hand.

Pensionäre besonders wollen nicht das nervenzerreibende Getriebe der Großstadt, sie wollen nach den Stürmen des Lebens der Ruhe pflegen und ihr geschwächtes Nervensystem möglichst rekonstruieren; sie wollen dabei allerdings auch eines gewissen Komforts, besonders hinsichtlich der Wohnung, nicht entbehren. Unter den Städten nun, die in dieser Beziehung weitgehende Ansprüche genügen, nimmt Hildesheim einen würdigen Platz ein.

Zwar pocht und schafft auch hier eine fleißige Bevölkerung, und ein reger Verkehr belebt die Innenstadt; aber an der Peripherie der Stadt, da winkt erquickende Ruhe. Weite und breite Straßenzüge mit parkartigem Schmuck sprechen da ihr „Hier ist gut sein!“, herrliche Promenaden eröffnen an allen Seiten den Eintritt in eine reizvolle Umgebung, und nicht fehlt das Moment des belebenden und erfrischenden Wassers: die Innerste und langgestreckte Teiche (Reste der alten Stadtgräben) werfen ihr Silber auf das wechselvolle Bild der Landschaft.

Da draußen aber, da öffnet ringsum die unverfälschte Natur ihre Arme; da blinken die Wiesen und Felder, da drängt sich der waldige Hügelkranz einladend heran. Wer einmal nach dem Galgenberge oder Steinberge seine Schritte gekehrt, wer einmal das liebliche Tal, das prächtige Stadtbild, die brennende Domkuppel geschaut hat, der ist gebannt, der hat seinem Herzen den Zauber verspürt, den die alte Hildesia, die Perle Niedersachsens, auch durch ihre landschaftliche Reize auszuüben vermag. Es fehlen dem Bilde groteske Züge, schroffe und überraschende Formen; still und sanft fließt da alles in einander, aber das gibt gerade derjenigen Wirkung, die das Gemüt beruhigend anspricht.

Da sind auch nicht übermäßige physische Anstrengungen vonnöten, wenn man sich ergehen will; durch Berg und Tal führen bequeme Wege, die an geeigneten Stellen mit Ruheplätzen, Aussichtshallen, Türmen und Restaurants ausgestattet sind.

Die Stadt selbst empfiehlt sich als altehrwürdige Pflegestätte der Kunst.

Tausend Denkmäler reden in ihr von längst dahingegangenen große Zeiten und Menschen; in Erz und Stein, in Gold und Silber, in Holz vom deutschen Eichbaum haben sie unvergleichbare Runen geschrieben, der Nachwelt ein heiliges Vermächtnis. Aber auch neuere Zeiten haben sich bemüht, die alten Traditionen ehrend zu pflegen; in Hildesheim blüht die Kunst, sonderlich das Kunstgewerbe, noch heute, wovon abermals tausend beredte Zeugen Kunde geben.

Sucht man eine Schulstadt, so trifft man es bei uns recht, denn Hildesheim besitzt eine außergewöhnlich große Zahl der verschiedensten Unterrichtsanstalten. Die stattlichen Schulgebäude schon zeugen von dem Ernst, den man dem heranwachsenden Geschlecht, auf dem die Zukunft ruht, opferwillig entgegenbringt. Drei Museen unterstützen mit ihren reichen Sammlungen die Ausbildung der Jugend.

Auch als Industriestadt steht Hildesheim auf der Höhe, es weist in verschiedenen Branchen Geschäfte ersten Rangs auf.

Der allgemeine Wohlstand der Stadt und die reiche Umgebung haben kaufmännische Geschäfte erstehen lassen, die bezüglich ihrer Auswahl mit großstädtischen Geschäften wetteifern.

Dasselbe gilt von den verschiedensten der öffentlichen Wohlfahrt dienenden Einrichtungen (Banken, Badeanstalten, Krankenhäuser, Gas- und Wasserleitung, Kanalisation etc.).

Auch an Verkehrseinrichtungen steht Hildesheim nicht zurück, es hat zwei Bahnhöfe und günstige Eisenbahnverbindungen, zwei Postämter und weithingehenden Telephonanschluß etc. etc.; die elektrische Straßenbahn hat das letzte Verkehrshindernis hinweggeräumt. Dem immer mehr anwachsenden Fremdenverkehr entsprechen die großen Hotels, sowie die zahlreichen Weinstuben, Cafés und Restaurants etc.

Die Bewohner Hildesheims leben in Eintracht und patriotischer Gesinnung; rühmlich ist auch der bei allen Konfessionen in gleichen Grade sich offenbarende kirchliche Sinn. Normal, stellenweise sehr günstig sind die verschiedensten Lebensverhältnisse, nach denen Rentner und Pensionäre zu fragen pflegen.

Das ist ein aphoristisches Bild der Vorzüge Hildesheims, die es als Wohnsitz für Pensionäre etc. bestens geeignet erscheinen lassen. Wer eingehender über die Stadt und ihre Verhältnisse unterrichtet sein will, der wende sich an den Vertreter des Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs (Lehrer H. Cassel), der gern Auskunft erteilt, respektive Orientierende Drucksachen versendet.

Zuverlässige Behandlung aller Verhältnisse der Stadt Hildesheim bietet auch das unter der Mitarbeit des Polizei-Inspektors O. Lenuweit von M. v. Witzleben herausgegebene Adreßbuch der Stadt Hildesheim (Druck und Verlag von M. v. Witzleben).

Text-Quelle:

 

- Literatur

H. Cassel: Führer durch Hildesheim; Verlag Franz Borgmeyer, Hildesheim; 6. Auflage; Seite 66ff

Die Verhältnisse um 1919

Hildesheim hat sich nicht etwa an dem Ruhm genügen lassen, die schönsten mittelalterlichen Bauten sein eigen zu nennen, nein, auch in Hildesheim sind heute hochmoderne Stadtteile und Häuser mit Wohnungen, die allen Anforderungen der Neuzeit entsprechen, vorhanden,

So ist z.B. elektrisches Licht, Zentralheizung, WC und Badezimmer in den meisten modernen Wohnhäusern vorgesehen. Die ungefähren Preisgrenzen für Wohnungen dürften folgendermaßen anzusetzen sein: 4-5 Zimmerwohnungen kosten etwa 800-1000 Mark, 6-8 Zimmerwohnungen 1200-1800 Mark. Die Miete für Einfamilienhäuser beträgt 1500-3000 Mark. Der Kaufpreis für solche Häuser schwankt zwischen 40.000-60.000 Mark. Alle Anfragen betreffs Wohnungen sind zweckmäßig an den städtischen wohnungsnachweis zu richten, der jede gewünschte Auskunft erteilt.

Im Übrigen, bietet Hildesheim an öffentlichen Einrichtungen alles, was man billig von einem sich dem Range einer Großstadt nähernden Gemeinwesen verlangen kann. So sind, wie zum Teil auch an anderer Stelle ausgeführt wird, vorhanden: ein städtisches Gaswerk, ein Elektrizitätswerk, elektrische Straßenbahn, ein vorzüglich geleitetes Stadttheater, ein großes Konzerthaus, zahlreiche Kirchen, von denen ja die meisten durch ihr Alter und ihre Architektonik Weltruf erlangen haben, und Synagogen.

An Bildungsstätten bietet Hildesheim neben den Museen und Gemeindeschulen reiche Auswahl: Es bestehen 2 humanistische Gymnasien, 2 Realgymnasien, Töchterschulen nebst Oberlyzeum und Frauenschule, 4 Mittelschulen, eine Baugewerkschule, eine landwirtschaftliche Schule und 2 Musikschulen.

Auch für Erholung und sportliche Betätigung ist von Seiten der Stadt viel getan worden. Die Stadt ist von prächtigen ausgedehnten Waldungen umgeben, die von zahlreichen bequemen, schön angelegten Alleen durchschnitten sind. Eine große Sporthalle ist schon verschiedentlich der Schauplatz sehr bedeutender Reitersportfeste gewesen.

Der Bequemlichkeit und dem Komfort dienen zahlreiche Autodroschken und sonstige Autos.

Der Geldverkehr wird durch das Vorhandensein einer ganzen Reihe von guten Banken sehr erleichtert.

Die Dienstbotenfrage ist kaum in einer anderen Stadt so günstig geregelt, wie in Hildesheim. Einen großen Teil der Dienstboten stellt die ländliche Umgebung. Für mäßigen Lohn sind intelligente und anstellige Dienstboten in Hildesheim im Allgemeinen stets zu bekommen.

Ein letzter, sicherlich nicht zu unterschätzender Vorteil Hildesheims sind seine gesundheitlichen Verhältnisse, die bedingt sind durch die ausgezeichneten sanitären Einrichtungen der Stadt, die ozonreiche Umgebung und die hervorragende klimatologische Lage Hildesheims. Diese Faktoren zusammen bewirken in normalen Zeiten, daß die Sterblichkeitsziffer im Verhältnis zur Geburtenzahl eine ausnehmend niedrig ist.

Auch die geselligen Verhältnisse sind in Hildesheim durchaus angenehm. Vermöge der vielen in der Stadt bestehenden Vereine ist jedem Fremdhinzuziehenden Gelegenheit gegeben, baldigst geselligen Verkehrsanschluß zu bekommen. Neben den sonstigen Vorzügen Hildesheims trägt auch dieser Umstand dazu bei, Hildesheim vor vielen anderen Städten als Pensionopolis, namentlich für Beamte und Offiziere zu stempeln. Alle neu Hinzuziehenden werden bald gewahr werden, daß Hildesheim außer seinen berühmten Kunstschätzen auch alle Annehmlichkeiten der behaglichen, auf einige Ansprüche gestellten Lebensführung zu bieten vermag.

Die Hildesheimer Steuersätze bewegen sich in mäßigen Grenzen. Die kommunalen Steuerzuschläge betragen: 175 % zur Staatseinkommensteuer, 190 % der staatlichen veranlagten Grund- und Gebäudesteuer, 210 % der staatlich veranlagten Gewerbesteuer und 150 % der staatlich veranlagten Betriebssteuer.

Auch die Lebensmittelpreise halten sich in Hildesheim in verhältnismäßig  niedrigen Grenzen. Die reiche, Landwirtschaft treibende Umgebung der Stadt sorgt dafür, daß der Markt stets ausreichend mit dem jeweiligen Erzeugmissen der Jahreszeit versorgt wird. Die Kriegszeiten haben es ebenso wie anderswo, auch in Hildesheim natürlich mit sich gebracht, daß die Lebensmittelpreise durch Höchstpreisverordnungen geregelt wurden. Trotzdem sind vermöge der bereits oben erwähnten an landwirtschaftlichen Erzeugnissen überaus ergiebigen Umgebung die Lebensmittelpreise auch im Kriege erheblich unter dem Reichsdurchschnitt geblieben. Auch hat sich die Versorgung in Hildesheim im Kriege weit reichlicher und mannigfaltiger gestaltet, als dies in ausgesprochenen Großstädten der Fall war. Viel trägt dazu auch bei der Fürsorge, die der Hildesheimer Magistrat durch eigenproduktions-Unternehmungen die auskömmliche Belieferung der Einwohnerschaft mit Nahrungsmitteln zuwenden.

Im Original übernommen

Text-Quelle:

- Literatur             Günther Roeder: Führer durch Hildesheim; Verlag Franz Borgmeyer, Hildesheim 1919; Seite 55f


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