Ämter, Gilden, Zünfte


[1] Gewerbe und Handel wurden im Mittelalter in Hildesheim geregelt durch Genossenschaften. Die Obrigkeit verlieh dem zuständigen Verband das alleinige Recht der Herstellung und des Vertriebes bestimmter Produkte oder Erzeugnisse des Gewerbefleißes. Die Genossenschaft selbst schafft sich eine eigene, aus örtlichen Verhältnissen hervorgehende Verfassung mit bestimmten Vorschriften, Vorrechten und Verpflichtungen, die alle rechtlichen Charakter hatten.

Naturgemäß war in erster Linie die Förderung des betreffenden Gewerbes Selbstzweck, daneben kommt aber bald auch der Wohltätigkeitssinn und die Pflege innerer Geselligkeit zum Ausdruck.

Streitigkeiten in Sachen des Gewerbes werden innerhalb der Zunft, solche zwischen den Zünften durch die Obrigkeit entschieden.

Die Zuständigkeit der einzelnen Gewerbezweige bei den vorkommenden Arbeiten ist streng geregelt, die Preise festgesetzt; die Innungen, dadurch vor schlechter Konkurrenz geschützt, erhoben sich zu Besitz, Reichtum und Einfluß auf das öffentliche Leben.

In Hildesheim existierten drei Arten von Innungen: Ämter, Gilden und Zünfte.

Text-Quelle:

[1] Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover; Selbstverlag der Provinzverwaltung; Hannover 1912, Band II, Heft 4, Teil 2, Seite 107f



Die Ämter

[1] Die Ämter der Knochenhauer (carnifices), der Schuhmacher und Gerber (sutores et cerdones) und der Bäcker (pistores) standen an erster Stelle.

Lehnsherr dieser Ämter war das Hochstift; der Fürstbischof verlieh das Privileg, in Amtsangelegenheiten unterstanden sie nicht dem Rate der Stadt, sondern dem Landesherren.

Die Ämter hatten zur Wahrnehmung ihrer Geschäfte besondere Amtshäuser. Die größte Gruppe, die der Knochenhauer, zerfiel in drei Bezirke:

a) die Meister auf dem großen Markte mit dem großen Knochenhaueramtshause

b) die Meister im Bezirk am Steine, mit dem Amtshause „Martens Kuhfuß“, Ecke Stein- und

     Burgstraße, und

c) die Knochenhauer bei St. Andreas oder auf dem kleinen Markte und in der Kramerstraße. Ihr Amtshaus, das sog. Andreaeamtshaus, hinter dem alten Andreanum 1541 errichtete, ist 1881 abgebrannt.

Das Amtshaus der Gerber hieß Schuhamt oder Schuhhof (Rathausstraße 19). Ihr zweites Haus von 1595 lag an der Innerstebrücke, dem Johannisspital gegenüber.

Das Amtshaus der Bäcker lag am Markte Nr. 5 und ist jetzt abgerissen.

[8] Eine straffe Organisation, die sich die Handwerker selbst gaben oder beim Bischof erwirkten, bewirkte das eine sonst Zusammenhang- und Einflußlose Masse in Hildesheim sehr früh zu Wohlstand und auch bald zu Geltung gelangen konnte.

Die ersten Spuren solcher Innungen, die sich zunächst noch weiter „Ämter“ nennen, treffen wir bei unseren Schuhmachern. In einer frühen Urkunde Bischofs Adelogs, die von der „universitas“ berichtet, wird auch von einem Amtsmeister bzw. Magister (Meister) der Schuhmacher berichtet.

G. v. Below bezweifelt jedoch, ob der „magister“ schon ein eigentlicher Amtsmeister war oder nur erst ein „Betriebsleiter im Verhältnis zu seine Gehülfen“.

Im Jahre 1236 aber hat dann Bischof Konrad II. dem Amt der Schuhmacher schon das Eigenrecht, „das man gemeinhin Innung nennt“, samt allen anderen „von altersher besessenen“ Privilegien bestätigt.

Bischof Otto II. betätigte 1272 das Gerber- und Schusteramt. Nach dem Ende des 13. Jahrhunderts erscheinen 1287 die Gerber mit den Schuhmachern zu einem Amt vereinigt und stiegen in der Zukunft  zu einer einflußreichen Vereinigung auf, dem am Ende die Führung der Handwerkgenossen in den politischen Kämpfen gegen das Patriziat zufiel.

Nicht viel später als die Schuhmacher und Gerber werden die Knochenhauer und Bäcker ihren gewerblichen Zusammenschluß vollzogen haben. Somit  sind diese vier Innungen (Ämter) – die Bezeichnung „Gilde“ war lt. Gebauer im Mittelalter noch unbekannt – als die ältesten Hildesheims anzusehen.

Vom Bischof privilegiert sind sie daher auch, solange Hildesheim sich seiner Unabhängigkeit erfreute, beim Landesherren zu Lehen.  

Text-Quelle:

[1] Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover; Selbstverlag der Provinzverwaltung; Hannover 1912, Band II, Heft 4, Teil 2, Seite 107f  

[8] K. Illge, Hildesheimer Heimat-Kalender-"Kulurdokumente aus Stein"; Gerstenberg-Verlag Hild.; 1973, Seite 49f


Die Knochenhauer

[1] Die älteste Erwähnung der Knochenhauer (carnifices) geschieht 1275; im Stadtrecht von ca. 1300 werden schon ihre drei Amtsbezirke erwähnt, nämlich: uppe deme groten markete eder uppe deme lutteken markete eder uppen lutteken Stenen.

Die Verkaufsbuden des zweiten Bezirkes (boven der schole uppe suntte Andreas kerkhove) werden 1361 genannt; das Privileg daselbst erging 1388. Die Scharren (Verkaufsstände) wurden verlost. Unter Bischof Johann erscheinen Bestimmungen über die Aufnahme und die Verfassung 1403 und 1426.

Das Knochenhaueramtshaus selbst (der knokenhawere woninghe) wird 1423, als an der Hosenstraße liegend, erwähnt. Im „Kollegium der 40“ von 1435 sitzen uthe den knokenhouweren van dene Steynen, im ganzen vier Abgeordnete als Mitglieder.

Textquelle: [1] A. Zeller: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover; Band 2, Kapitel 4; Selbstverlag, Hannover 1912; Seite 109

Die Gerber und Schuhmacher

Das erste Privileg für die Schuster und Gerber (domum calciatorum et allutariorum) stammt von 1287; die erste Erwähnung im Stadtrecht von 1300. Ein Privileg Bischof Heinrichs III. für das Gerber- und Schuhmacheramt wird 1367 erwähnt; ihr Innungsrecht wurde von demselben 1355 bestätigt; die Statuten stammen vom Jahre 1328 (bestätigt von Bischof Otto II. – Gerber hier cerdones genannt); ein Privileg von 1401, ein weiteres von 1425. 1426 nennen sie sich in einem Brief an Tile Abbetmeier (ghilde der gerwere unde der schowerten to Hildesem“. 1435 werden sie in den Rat der 40 gewählt (twene uthe den geweren unde twene uthe den schomekeren).

Der Beruf der Gerber verlangte fließendes Wasser. Sie bauten sich daher an dem linken Innersteufer an. Auf der Dammstraße Nr. 8 (1363/64), gleich hinter der Brücke, steht das 1595 errichtete Gerbergildehaus, ein sonst schlichtes Gebäude mit hübschem Portal. Darüber ein Wappen 1595, gehalten von zwei Löwen; in dem Schilden die Werkzeuge der Gerber: Messer, Schaber und Handbeil (Bild).

Das (in der Zeichnung in die Mitte der Tür eingezeichnete) Wappenschild im dritten Felde links zeigt die gleichen Schilde, aber von zwei Männern gehalten.

Text-Quelle:

- Literatur           [1] A. Zeller: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover; Band 2, Kapitel 4; Selbstverlag, Hannover 1912; Seite 114f   

Bildquelle:

- Foto / Bild        [1] A. Zeller: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover; Band 2, Kapitel 4; Selbstverlag, Hannover 1912; Seite 114

Die Bäcker

Die Bäcker (pistores) werden 1310 zum ersten male genannt; ein Privileg stammt von 1358; das Bäckeramt wird 1362, die Gilde 1392 erwähnt; ein bischöfliches Privileg von 1430.

Das Bäckeramtshaus in der Hosenstraße (in der Hosenstrate deme huse, dat der beckere unser stad is) wird 1438 genannt.

Textquelle: [1] A. Zeller: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover; Band 2, Kapitel 4; Selbstverlag, Hannover 1912; Seite 115

 


Die Gilden

[1] Von Gilden bestanden fünf, nämlich: Die Wollenweber, die Krämer (einschließlich Gewandschneider, Sattler, Riemer, Gürtler und Handschuhmacher), die Kürschner, die Schmiede (nebst Schlossern, Kupferschmieden, Uhrmachern, Büchsenschäftern und Feilenhauern), und endlich die Schneider.

Gesetze und Privilegien gab der Rat der Stadt, der auch die Gerichtsbarkeit über die Gilden ausübte.

An Gildenhäusern existierten:

1. Das Wollenwebergildehaus am Markte, Ecke Seilwinderstraße (nicht mehr zu ermitteln).

    Nach Brandis Tagebuch 1579 abgebrannt.

2. Das Kramergildehaus

3. Der Kürschnerhof. Ursprünglich Eckemekerstraße 26 neben dem Schauteufelkreuz

4. Das Schneidergildehaus am Hohen Weg

5. Das Schmiedegildehaus, Andreasplatz

6. Das Brauergildehaus, Osterstraße 56

[8] Der Ursprung der Gilden geht auf altheidnische Sitten zurück. „Gield“, „gildi“ bedeutet so viel wie „Opfer“. Mit Opfern verbundene Trinkgelage freier „Einungen“ gleichberechtigter Mitglieder mit gemeinsamen Interessen dürften Ursprung der Gilden gewesen sein.

In Hildesheim entstanden nach und nach 5 Gilden: die Wollenweber, Kramer (nebst Gewandschneider, Sattler, Riemern, Gürtlern, Handschuhmacher und Kürschner), Schmiede (nebst Schlossern, Kupferschmieden, Nagelschmieden, Sporenmachern, Uhrmachern, Büchsenschäftner, Feilhauern) und die der Schneider. 

Diese hatten alle – im Gegensatz zu denen der Ämter, die ihre direkt vom Bischof bekamen - ihre Privilegien vom Hildesheimer Rat. Ihre Rechte waren geringer als die der Ämter.

Kraft des Innungszwanges waren Ämter und Gilden beiderseits darauf bedacht, das sogenannte „Ungenossen“ oder „Bönhasen“, also Handwerker die nicht in ihren Ämtern oder Gilden gegliedert waren, ihr Gewerbe in der Stadt nicht ausübten. Sie führten regelrechte „Jagden“ auf diese fremden Handwerkern und Händlern aus. Das Recht zu dieser Jagd durften die Gilden jedoch nur in Begleitung von Ratsdiener „ausüben“ -  die Gildenmitglieder durften es ohne Begleitung.

Text-Quelle:

- Literatur

 

[1] Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover; Selbstverlag der Provinzverwaltung; Hannover 1912, Band II, Heft 4, Teil 2, Seite 108f

[8] K. Illge, Hildesheimer Heimat-Kalender-"Kulurdokumente aus Stein"; Gerstenberg-Verlag Hild.; 1973, Seite 49f


Die Brauergilde

[1] Die Brauergilde wird 1474 zuerst genannt; das Brauergilderecht 1480.

Die Kramergilde

[1] Der Innungsbrief der Kramer (institores) ist vom Jahre 1310; ihre Ordnung sowie die Statuten ihrer Bruderschaft S. Johannis von 1420.

Das Gildehaus der Kramer am Andreaskirchhofe (Andreasplatz), bestehend aus einem Hause mit feuerfestem Gemache mit Keller (stenkameren vnde den kelre dar under) wird von der Gilde 1418 von Cord von Geismar dem Älteren erworben; die Kramergilde selbst 1478 als mercatores eninge bezeichnet.

Zur Kramergilde gehörten: die Gewandschneider (pannicidae) 1325 zuerst erwähnt; die Sattler, Riemer, Riemenschneider (remensnidere) 1420; Gürtler und Handschuhmacher (incisores corrigiarum, cyrotecarii).

Die Schmiedegilde

[1] Eine Teil der Gilde bilden die Harnischmacher (platemekere), welche 1310 zuerst genannt werden; die Messerschmiede nennen sich 1427 mestwerten; die Ordnung für die Schmiedegilde umfassend: Apengetere (Rotgießer), kopperslegere (Kupferschmiede), kleynsmede (Kleinschmiede), grottsmede (Grobschmiede), swertvegere (Schwertmacher?) sowie die zugehörige Brüderschaft S. Godehardi regelt das Statut von 1423. Eine Brüderschaft unserer lieben Frauen wird 1442 genannt.

Die Kürschnergilde

[1] Innungsbrief der Kürschner (pellifices) von 1328; das Kürschneramt (korsenwarten, ghemeynen kortzenwerten) wird 1398, die Kürschnergilde der Altstadt nebst dem Gildehaus (unser werken hus) belegen in der Eckemeckerstrate, 1441 erwähnt.

Der Kürschnerhof auf der Schenkenstraße wird 1489 erwähnt; ihr Haus auf dem Knipe schon 1452; die Gesellen als piltzergesellen bezeichnet 1455. 

Die Wollenwebergilde

[1] Zu dieser wichtigen Gilde gehören auch die wantmekere (Wandmacher), Tuchmacker (Tuchmacher), mit Innungsbrief von 1313; das Wollenweberamt 1396 genannt. Die Wollenwebergilde 1435.

sonstige Gilden

[1] Von 1435 ab werden sechs Gilden gezählt, zu den obigen kommen hinzu: Gewandschneider und Schneider. 1446 werden nur noch fünf genannt, indem die Gewandschneider ausfallen, also unter den Schneidern wohl zu suchen sind.

Die Gewandschneider (wantsniderfe), als Gilde zuerst 1392, dann 1435, erwähnt, erhalten Anteil am Rat 1448. Sie machen später einen Vertrag mit den Lakenmachern, deren Gilde 1448 ebenda genannt wird.

Die Leineweber (textores, zuerst als Innung genannt 1292), Privileg 1368, ihr Amt (ampt des lynenwerkes) von 1398, entwickelt sich selbständig. Ihre Gesellen stiften 1381 in der Martinikirche ein ewiges Licht; ihr Privileg wird von Bischof Magnus 1425 erneuert.

Die Schneidergilde (werken der schradere) 1362; ihr Gildehaus 1462 erwähnt. Die Gesellen stiften 1452 Lichtbäume und Lichter nach St. Andreas.

1583 kommt das Gewerbe der schottilierfeinen Tischler – zum ersten male vor.

 

Häuser von den genannten Gilden haben sich nicht erhalten.

Textquelle: [1] A. Zeller: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover; Band 2, Kapitel 4; Selbstverlag, Hannover 1912; Seite 116ff


Die Zünfte

[1] Die Zünfte bildeten die dritte Gruppe der Gewerbetreibenden. Zu ihnen gehörten: Tischler, Ladenmacher, Blechschläger, Leinenweber, Bader, Perrückenmacher usw.

Das Zunfthaus der Leineweber lag an der Nordseite des Neustädter Marktes, das der Hokenhändler am Hagenbeke, beide sind verschwunden.

[8] Die Zünfte - zu denen u.a. die Tischler, Ladenmacher, Blechschleger und Leineweber gehörten – hatten ihre Privilegien teils vom Rat  und teils vom Bischof

Sie hatten jedoch nicht das Recht der Ämter und Gilden aus ihrer Mitte Vertreter des Gemeinwesen in die städtische Regierung zu wählen. 

Text-Quelle:

- Literatur

 

[1] Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover; Selbstverlag der Provinzverwaltung; Hannover 1912, Band II, Heft 4, Teil 2, Seite 108f

[8] K. Illge, Hildesheimer Heimat-Kalender-"Kulurdokumente aus Stein"; Gerstenberg-Verlag Hild.; 1973, Seite 49f